Ein Interview über die Dreharbeiten (Audioabschrift)
Und hier das Interview von Stefan Kreutzberger (SK) mit Valentin Thurn (VT) über die Dreharbeiten zu „Taste the Waste“ als Audioabschrift. Nachhören kann man das hier.
SK: Okay, immer ein Team. Das ist der…wie heißen die noch mal?
VT: Roland und Ralf. Die sind beim ganzen Dreh von vorne bis hinten dabei gewesen. Weil das nämlich von der Qualität her sinnvoll ist, der hat seine bestimmte Sprache dann vorher vereinbart, wie die Bilder aussehen sollen, bestimmten Look haben… Das kriegt man natürlich nur hin, wenn man ein festes Team hat.
SK: Also du kennst die schon länger, hast schon öfters mit denen zusammen gearbeitet?
VT: Ich hatte auch schon mal in früheren Filmproduktionen mit ihnen gearbeitet und wusste, dass hohe Qualität zu erwarten ist. Zum Teil sind ja die Drehbedingungen im Dschungel und da willst Du einen 1-A-Ton haben und da brauchst du auch einen 1-A-Tonmann.
SK: Woher wusstest du denn, dass er ein 1A Tonmann ist?
VT: Weil ich den 1-A-Kameramann gefragt habe und der mir gesagt hat “der ist 1A” und das hat gestimmt. Schon am ersten Tag haben wir den überprüft, also ich hatte noch nie einen so guten Ton. Und das ist auch wichtig. Wenn du einen Film auf die Kinoleinwand bringen willst, dann sind schon sehr hohe Standards gefragt. Und auch Kameraleute, die in der Lage sind sich ein Bild auf der großen Leinwand schon beim Drehen vorzustellen.
SK: Du hast die ja dann vorher gebrieft um was es überhaupt geht. Wie machst du so was?
VT: Natürlich versuche ich die inhaltlich mit ins Boot zu nehmen, damit die auch mitdenken. Das Blödste wäre ein tolles Bild, was aber am Thema vorbei geht. Das heißt bei jedem Schritt, egal wo wir sind, versuche ich, die müssen mithören, mitverstehen. Also wenn auch beim Interview, wenn was passiert und einer zeigt auf etwas und das hat eine Bedeutung fürs Thema, dann muss der Kameramann so was mitkriegen, in der Lage sein die Kamera dann dahin zu drehen wo was passiert. Also wenn der, ich sage jetzt mal der Bauer in Kamerun was von seiner Ernte erzählt, und wie sie ihm das Land weggenommen haben, und er erzählt etwas in einem französischen Dialekt. Irgendetwas, was der Kameramann nicht versteht, muss ich ihm zumindest vorher gebrieft haben, was da passiert. Nämlich dass ihm Land weggenommen wurde von einer großen Bananenplantage und dass die Bananen deswegen wichtig sind, weil das eins der Produkte ist, die bei uns am häufigsten in der Mülltonne landen. Also so diese ganzen…dass muss vorher da sein. Ich mache ja eine Recherche und ich kann es auch ja vermitteln. Wir haben auch genug Zeit unterwegs darüber zu reden.
SK: Wie viele Stunden warst du mit denen jetzt zusammen, was meinst du, wie viele Tage sind es gewesen, wo man intensiv zusammen ist?
VT: Manchmal mehr, als man das sich so erträumt. Im Flugzeug die Nächte sich um die Ohren schlagen, oder in irgendwelchen Flughäfen. 30 Tage, mehr als 30 Tage. Gut, also die Nächte schlafen wir, wenn es irgendwie geht in getrennten Hotelzimmern. Dass dann schon. Es ist, es ist auf langen Autofahrten, schon viel Zeit, die man miteinander verbringt.
SK: Habt ihr euch gut verstanden und es gibt jetzt nicht Missverständnisse, man mag einen nicht, oder?
VT: Nein. Das ist natürlich auch ganz wichtig. Wir haben es mit… das ist ein kreativer Beruf, wo es menschelt und wenn da jemand jetzt leicht cholerisch ist oder so, es ist schon ein Problem. Nein nein, also das…wir mögen uns. Das ist eine wichtige Grundvoraussetzung.
SK: Jetzt habt ihr euch ja erst mal richtig kennengelernt, eigentlich.
VT: Ja, das stimmt.
SK: Entwickeln sich da auch freundschaftliche Beziehungen heraus?
VT: Ja und nein. Also es gibt… man lernt dann Marotten kennen und man lernt auch Vor- und Nachteile können, aber letztendlich weiß ich, was ich an den beiden habe. Also das, was an Interesse für das Thema sich entwickelt hat, das ist ehrlich, das spürt man auch. Weil man sieht auch, Roland, der Kameramann, der geht jetzt ganz anders, das ist eigentlich eher so ein hedonistischer Typ, der jetzt kein asketisches Kaufverhalten zeigt. Aber immer schon ein Grundwissen hatte, Mensch, in den Supermärkten verkaufen sie uns für dumm. Die drehen uns Produkte an, die Blödsinn sind. Jetzt geht er noch ein bisschen bewusster… gerade weil er eben weiß was hinter den Supermärkten in der Mülltonne. Also er wurde auch durch den Film zu einem bewussteren Verbraucher. Das gilt übrigens auch für mich selber. Man entdeckt da Dinge in der Recherche, die man so nicht für möglich gehalten hätte. Uns alle hat am meisten geschockt, Mülltonne aufzumachen und original verpackte Produkte bester Qualität zu sehen. Das ist etwas, das jeden umhaut.
SK: Welche Marotte hat denn der Roland?
VT: Rolands Marotten…also… er legt schon sehr viel Wert darauf, das ist jetzt nichts Schlimmes, ich kann das auch verstehen. Zu einer bestimmten Zeit am Vormittag einen ordentlichen Kaffee zu kriegen. Nicht irgend so eine Plörre, wie man sie in Kamerun meistens kriegt, sondern er giert dann nach einem guten Espresso.
SK: Den gibt es dann gar nicht. Was machst du?
VT: An einem Tag sage ich: So jetzt müssen wir aber weiter. Da wartet was ganz wichtiges, tolles Thema, motiviere ihn über das Thema. Am nächsten Tag denke ich mir: Komm jetzt, ist eigentlich… machen wir mal ein bisschen Luft. Jetzt fahren wir mal eine halbe Stunde durch die Stadt und setzen uns mal in irgend so ein Luxushotel ins Café, weil es da einen ordentlichen Espresso gibt. Freue mich selber auch darüber, klar. Man tut schon auch was, was jetzt vielleicht unwirtschaftlich oder was auch immer ist, wenn man jetzt ganz streng drauf guckt, um auch alle bei Laune zu halten.
SK: Irgendwie einen Konkurrenzdruck gibt es aber nicht dabei? Weil du, ist klar, du bist der Chef, du bist der Regisseur, du hast das alles arrangiert, sie sind deine Mitarbeiter. Wie ist dieses Gefälle?
VT: Es gibt schon eine ganz klare Aufgabenverteilung. Ich bin für das Inhaltliche zuständig und ich bin tatsächlich der Chef, der sagt, wo es hingeht. Aber wenn es um die Bildgestaltung geht, ist Roland der Chef. Und wenn es um den Ton geht, ist Ralf der Chef. Also wenn Ralf sagt „dieser Ton ist nicht vertretbar, wir müssen woanders hin“, dann ist das maßgeblich. Weil er wird dann nachher zur Rechenschaft gezogen. Wobei natürlich jeder versucht, so Bild, Ton, sind ja manchmal nicht immer kongruent. Manchmal ist ein gutes Bild ein schlechter Ton und andersrum, man muss dann Kompromisse machen. Aber die Aufgabenverteilung ist klar.
SK: Jetzt erst einmal noch die letzte Frage: Haben die denn von sich aus Ideen reingebracht, auf die du gar nicht gekommen wärst? Also dir auch inhaltlich weitergeholfen…
VT: Ja natürlich. Also ich habe durch die Recherche allein schon, und weil ich vielleicht auch viel zu viel Wissen mit mir herumtrage über die Abhängigkeit der Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt, und da vergisst man manchmal die ganz einfachen kleinen Dinge.
SK: Also die haben dich auf den Boden zurückgeholt?
VT: Ja manchmal. Der Brotverkäufer, der in Kamerun in den Bussen das Brot verkauft, der ist zunächst auch mal einfach ein ganz kleiner Junge, der ein Fußball T-Shirt hat und der… menschliche Dinge, die rüber kommen. Der kommt sympathisch rüber und der andere ist ein Aufschneider, und nach solchen Kriterien wählt man dann schon auch ein bisschen seine Protagonisten aus. Und da hat Roland ein gutes Gespür.
SK: Also ein menschliches Gespür?
VT: Ja. Das ist wichtig. Da arbeiten wir auch zusammen. Da achte ich auch drauf. Dass wir immer so ein bisschen zusammenarbeiten. Wir hatten auch vor Ort in Ländern, wo es ein bisschen schwieriger ist, oft auch Leute, die uns zugearbeitet haben. Also in New York genauso. Die so ein bisschen vor- recherchiert haben, und dann vor allem wenn es schwierig war irgendwo hinzukommen, da schon den Kontakt aufgebaut haben. Das ist nicht immer und überall notwendig gewesen, also Deutschland, Frankreich, Holland, da kenne ich mich aus, da komme ich auch so gut zurecht. Aber je weiter und fremder die Kultur, desto besser ist es… Es geht ja nicht um Sprache…
SK: Die konnten jetzt auch auch Spanisch zum Beispiel, oder Englisch sind die gut? (Wer jetzt?) Die beiden Jungs von dir.
VT: Nein, nein. Die sprechen fast keine Fremdsprachen außer Englisch. Das mache dann ich, Englisch, Französisch, Spanisch, spreche ich fließend. Holländisch brauchen wir nicht, weil da sprechen alle Englisch. Also inzwischen, nach ein paar Filmen, wo ich mit Afrikanern gearbeitet habe, auch dieses Pidgin-Französisch, was wirklich schwer zu verstehen ist, kriege ich inzwischen ganz gut hin. Ist aber Grundvoraussetzung da Interviews zu führen. Sonst mache ich ja einen Blindflug. Stelle Fragen, die die verstehen, aber die Antworten verstehe ich nicht. (Ja gut, über einen Dolmetscher…) Geht alles. Über Dolmetscher geht alles. Ist aber hölzern, man kommt… (Hast du bisher auch nicht gemacht in dem bisherigen Dreh, hast du immer selber gemacht…) Ich hatte nie einen Dolmetscher. Wenn ich nach Russland hätte müssen oder nach China, hätte ich den gebraucht, ganz klar. Aber es ist immer schöner ich kriege direkt mit was passiert, weil ich dann direkt antworten kann. In einem Land, wo ich die Sprache nicht verstehe, würde ich fast vorziehen mit einem Kollegen zu arbeiten, der dann das Interview für mich führt.
SK: Wie machst du es dann in Japan jetzt? Japanisch kannst du aber nicht?
VT: Ich habe einen deutschen Kollegen, der in Tokio lebt, mit Bitten bei der Recherche vorzubereiten und wenn es nötig ist, und ich feststelle der ist gut, der hat eine Affinität zum Thema, ihn bitten, die Fragen zu stellen. Und ich werde dann natürlich am Ende des Gesprächs „Hast du auch das, hast Du jenes?“, vielleicht auch doch noch mal ein paar Fragen hinterher stellen. Aber so, wenn einer antwortet und er reagiert oder er zuckt mit den Augenwimpern und du merkst da es noch etwas, dann musst du nachfragen können und nicht einen Fragenkatalog abarbeiten oder über den Dolmetscher geht das ja auch verloren.
SK: Trotzdem noch eine Frage. Du hast jetzt mit, ich weiß nicht wie vielen Menschen gesprochen zu dem Thema Lebensmittelmüll. Wie waren den die Reaktionen darauf, dass du sie überhaupt auf dieses Thema angesprochen hast? War das erst einmal “Huch, was will der von mir?“ oder „Mensch, ist eine tolle Idee, da bin ich selber noch nicht darauf gekommen.“ Oder liegt das alles dazwischen?
VT: Es gab eigentlich niemanden, dem das Thema nicht bewusst gewesen wäre. Überall auf der Welt, selbst in Kamerun, wo man jetzt nicht dran denkt, die städtischen Eliten schmeißen da genauso verrückt weg. Und hierzulande ist es höchstens so, dass mal ein Verbandsvertreter oder Supermarktchef dann sagt: Das ist ja gar nicht so viel. Dass er als runter zuspielen versucht. Aber jeder weiß es existiert, und es existiert in einem Maße, das ethisch fragwürdig ist. Da hat es nirgendwo einen gegeben, der gesagt hat „Nein das gibt es nicht“.
SK: Hast du das schlechte Gewissen von den Verbandsvertretern gespürt? Obwohl sie es wissen, spielen sie es runter? Merkt man das?
VT: Ein guter, profilmäßig geschulter Verbandsvertreter lässt sich nicht anmerken, dass er ein schlechtes Gewissen hat. Vielleicht hat er es auch nicht, das weiß ich nicht genau. Ich merke das dann an solchen Dingen, dass mir einer erzählt „Ja das sind ja nur anderthalb Prozent“. Und dann frage ich nach, weil bisschen statistisch geschult bin, ich auch. Anderthalb Prozent vom Gewicht? Nein, anderthalb Prozent vom Wert. Und wenn man dann nachhakt, da sind dann auch Alkoholika mit drin, alle teuren Luxusprodukte, die natürlich seltener weggeworfen werden. Das heißt, die Zahl kann man auch wieder auf den Müll werfen. Die ist unbrauchbar weil jetzt von frischen Produkten wie Joghurt, Salat, usw. sind es natürlich viel viel mehr. Nur die Zahl rücken sie nicht raus. Ich schätze mal 10 %. Nur kein Supermarkt sagt mir, wie viel es wirklich ist. Das sind auch nicht die Einzigen, die wegwerfen. Das ist schon vorher in der Produktion und schon auf dem Feld und der Verbraucher auch. Also es gibt nicht nur einen Schuldigen. Aber es wäre natürlich schön es gäbe Transparenz. Und im Supermarkt, die haben wenigstens Zahlen. Alle anderen, die Bauern, die ermitteln das nicht wirklich. Und der Konsument natürlich auch nicht. Da wäre die Forschung gefragt. Die es in Deutschland leider nicht gibt.
SK: Aber so grundsätzlich Betroffenheit war überall da und auch Erkenntnis „aha, das ist ein interessantes Thema“. Das würdest du jetzt schon sagen. Du hast also mit deinen Fragen auch schon was bewirkt, was in Gang gesetzt.
VT: Das Verrückte ist ja, dass sich jeder dessen bewusst ist und dass darüber noch nicht öffentlich diskutiert wird. Das machen wir seit Jahrzehnten und es ist kein Thema. Es ist keines was zumindest…
Es wurde bisher immer hingenommen und eigentlich, also das ist mein Hauptziel, ich möchte das ändern, ich möchte hier einen Bewusstseinsumschwung mit anstoßen, der sagt: Wir können über eine Verringerung unseres Lebensmittelmüll, das ist ja einfach herzustellen, das ist ja nur ein bisschen bessere Planung, der Lebensstandard wird ja nicht mal angekratzt dadurch. Wir können dadurch auch wirklich dem Klima helfen, die Ernährungssicherheit in den Entwicklungsländern auch verbessern, weil wir dann bisschen Druck vom Weltmarkt nehmen. Das Thema Hunger haben wir damit noch nicht gelöst, aber zumindest mal Druck raus genommen. Ohne viel Aufwand.